Fraktur C8 rechts

Für alle, die nicht aus der medizinischen Ecke heißt das, daß ich mir die achte Rippe auf der rechten Seite gebrochen habe. Vieleicht wurde sie mir auch gebrochen, so genau habe ich das noch nicht analysieren können. Es ist ein glatter, kompletter, nicht dislozierter, distaler Bruch, der ich zum aufgeben gezwungen hat.

Beim Start noch guter Dinge, obwohl ich als nicht so guter Schwimmer viel lieber mit einem Neoprenanzug gestartet wäre, stand ich um kurz nach 6:30 Uhr im Langener Waldsee und probte das aktuelle Wassergefühl und fand die Temperaturen eigentlich so wie letztes Jahr. Egal für alle gleich dachte ich und stellt mich mutig der ersten Disziplin.

 Vor uns lagen 3,8km offener See, die es auch ohne Neopren so schnell wie eben möglich hinter sich und wieder an den Strand zu bringen galt. Marcel der gegen mich ein Schnellboot ist, sah ich nur noch an der Startlinie und danach erst wieder beim Laufen (als Zuschauer).

Um 6:45 Uhr erfolgte der Start und mit den anderen 300 Startern der ersten Gruppe setzte ich mich in Bewegung. Schnell fand ich meinen Rhythmus und dachte nicht mehr über die fehlende Gummihaut nach, sondern investierte alle Kraft und Konzentration damit, so schnell und vor allem auf direktem Weg die abgesteckte Strecke zu absolvieren. In diesem Jahr waren die beiden Runden viel weiter zum anderen Ufer gesteckt, so daß wohl auch die Strecke auf 3,8km korrigiert wurde.

Nachdem ich die ersten Bojen im hinteren Drittel gelegen hinter mich gelassen hatte, bemerkte ich ein leichtes Ziehen im rechten Brustkorb unterhalb der Achsel. Was ich noch als anfängliches Seitenstechen abgetan hatte, solle sich später als etwas viel schwerwiegenderes herausstellen. Aber in diesem Monment noch voller Adrenalin und nur auf das Ziel am Römer fokusiert, wechselte ich zwischen meinem gewohnten Viererarmzug und einem Zweierarmzug, weil ich dachte so mein Seitenstechen wegzuatmen.

Falsch gedacht, es wurde nur noch schlimmer, so daß ich soweit es eben ging doch meinen Viererarmzug einsetzte. Bis auf die ersten 100m hatte ich sofern ich mich erinnern kann, keinen großen Körperkontakt, aber mit dem richtigen Tritt oder Schlag bei gestrecktem Arm und Seitenrotation des Körpers, sozusagen ohne Deckung, muss es da schon zu besagtem Trauma gekommen sein.

Nach dem ersten Landgang ging ich mit gemischten Gefühlen auf die zweite Runde, weil sich von hinten schon die Badekappen der schnellsten Schwimmer der zweiten Startergruppe zeigten, die erst um 7:00 Uhr gestartet wurde. Das bedeutete schon wieder Körperkontakt und Wellengang, was ich beides in meinem Zustand nicht gebrauchen konnte.

Wie schon 2009 war ich auf der zweiten Runde wieder langsamer gworden, aber retrospektiv betrachtet ist das auch kein Wunder. Es hätte noch viel schlimmer kommen können. Nach einer endlosen Zielgeraden krabbelte ich schließlich aus dem Wasser und erklomme den Anstieg zur ersten Wechselzone.

Ein Blick auf die Uhr zeigte mir 1:04,30h, beschissen gefühlt aber ohne Neopren für mich ein Wahnsinn von Zeit. Dabei handelte es sich aber um die Zeit der zweiten Gruppe, also plus 15min, macht insgesamt 1:19,30h. Grottenschlecht, das wusste ich aber in diesem Moment nicht, ist aber eh egal bei der Situation. Zu diesem Zeitpunkt war es natürlich Balsam für die Seele.

Mit kleinen Schritten suchte ich voller Euphorie meinen Stellplatz und wechselte so schnell ich eben konnte und verließ noch guten Mutes und voller Tatendrang die erste Wechselzone. Da der erste Kilometer vom Badesee neu asphaltiert wurde, konnten wir schon locker Fahrt aufnehmen und jetzt konnte auch für mich der Wettkampf so richtig beginnen, mit Genuß halt. 

Auf dem Zubringer nach Frankfurt hinein trafen wir aber schon das erste mal auf  Gegenwind, so daß auch hier der Wettkampf nicht so leicht zu werden schien wie vorher vieleicht gedacht. Zum Gück blieb aber die große Hitze auf dem Rad aus, denn die Sonne kam erst nach 13:00 Uhr so richtig zum Vorschein.

Ich war diese Jahr wie schon erwähnt mit einem Triathlonbike ausgerüstet und versprach mir davon schon eine schnellere Zeit als letztes Jahr, auch wenn die Strecke wegen einer Baustelle um 5km länger ausgerichtet wurde. Mein Zeitfahrhelm, den ich beim Wechsel übrigens ganz schnell überziehen konnte – und was hab ich mir da im Vorfeld Gedanken gemacht – passte heute perfekt zu den windigen Bedingungen wie auch meine scharfe Sitzposition.

Mit 40km/h rollte ich nach Frankfurt hinein. Schnell waren die ersten Gels verspeist, den die Energie die ich im See gelassen hatte, wollte aufgefüllt werden. Die Strategie, nur Gels zu sich zunehmen und das alle 20min, funktionierte perfekt. Einmal ein Gel für 10min verpasst und schon signalisierten mir meine Beine, dass es besser, wäre wieder was zu essen.

Auch meine Idee mit nur einer Flasche am Rad war prima. Die erste Flasche, noch mit einer Kohlehydrat-Eiweiß-Kombination befüllt, reichte bis zur ersten Getränkestation. Dort warf ich die leere Flasche weg und nahm eine neue Flasche für mein Rad auf. Danach nahm ich gleich noch eine Flasche auf, die ich dann zur Hälfte leerte oder wenn es Wasser war mir über meinen Rücken spülte. So kam ich insgesamt auf 12 Flaschen über die 185km und hatte so ein relativ leichtes Rad.

Die Gels hatte ich alle in meinem Trikot und war somit bestens versorgt, bis auf mein großes Versäumnis, dass ich die Salztabletten auf meinem Radplatz vergessen habe. Die müssen das nächste mal unbedingt mit in den „Rucksack“. So fuhr ich mit viel Motivation in die ersten Strassen von Frankfurt hinein und nach einer scharfen Rechtskurve ging ich dann zum ersten Mal aus dem Sattel.

Dies war dann auch der Moment der Wahrheit, denn ein fieser stechender Schmerz trat da auf, wo sich zuvor immer wieder dieses Ziehen und Seitenstich ähnliche Beschwerdebild gezeigt hatte. Dies war natürlich sehr irritierend und keine Frage auch eine starke Behinderung. Jeder Atemzug tat weh und ein richtiges tiefes Einatmen nur mit Tränen in den Augen zu erreichen.

Mit verschiedenen Positionen auf den Extensions bzw. Armpads versuchte ich immer wieder die Situation so gut es eben ging zu entkrampfen. Dies gelang mir auf der ersten Runde auch noch erstaunlich gut. Bis auf die Anstiege, die ich sehr gerne im Wiegetritt fahre, konnte ich relativ viel Druck auf die Pedale bringen. Sobald ich meine Beine mit Wiegetritt auflockern wollte schrie meine Seite vor Schmerz laut auf und mir blieb stellenweise die Luft weg.

So war es dann auch nicht verwunderlich, dass ich in diesem Jahr etwas früher als 2009 die Beine und die Belastung zu spüren bekam. Die erste Runde hatte ich in 2:37h, die zweite Runde in 2:41h, bedeutet dass ich trotz der einsetztenden Krämpfe und müden Beine die Pace gut halten konnte. Mit 5:18h war ich zwar etwas langsamer als 2009 (5:12h), aber die 5km lange Umleitung mit der winkeligen Kursführung bedeuten bei den Topfahrern 8min, für mich also eher 9min.

Damit kann ich für dieses Jahr auf 180km umgerechnet eine 5:09h bzw. ein Tempo von 35km/h hypothetisch verbuchen und das mit einer gebrochenen Rippe wohlgemerkt. In wie weit mich diese Verletzung behindert hat kann ich nicht in Zahlen fassen, aber zurück blickend betrachtet schon eine harte Leistung, überhaupt soweit im Rennen gekommen zu sein.

Ganz nach meinem Motto – NO BODY NO PAIN NO LIMIT – nur halt nicht bis zum Exitus, ging es in die zweite Wechselzone. Auch hier lief noch alles nach Plan, außer dass meine rechte Seite enbloc ein Schmerz ausstrahlte. Mit kurzen Tippelschritten kam ich ins Zelt, den Beutel musste ich noch selber vom Gerüst nehmen, was mir vor lauter Unbeweglichkeit kaum gelang.

Im Zelt angekommen ging es trotzdem planmäßig weiter, bis ich meine Schuhe an den Füsen hatte. Dann atmete ich einmal tief durch, bzw. wollte tief durchatmen, aber mein Thorax konnte sich nicht mehr richtig bewegen. Scheiße Mann, dachte ich, damit kannst du doch keinen Meter mehr gehen geschweige denn laufen. Aber wie ein Magnet zog mich die lärmende Menge nach draußen zur ersten Verpflegungszone.

Dort angekommen wollte ich mit der rechten Hand einen Becher Cola vom Tisch nehmen, aber mein Arm kam keinen Zentimeter mehr in die Höhe. Jetzt bekam ich auch noch einen leichten Anflug von Panik und fing an nach Luft zu ringen. So verbrachte ich einige Minuten regungslos an dem Getränkestand und wusste nicht, wie ich mich entscheiden sollte.

An Ausstieg hatte ich zwar schon stellenweise beim Radfahren gedacht, aber nur als aller letzte Instanz. Einer der Medical Assistants kam auf mich zu und wollte wissen was mit mir sei. Ich erklärte kurz meine Situation und hoffte auf Hilfe. Dabei dachte ich immer noch stark an einen eingeklemmten Nerv oder an eine ausgerenkte Rippe. Dem Sanitäter gab ich meine Vermutungen kund und er versuchte mir mit sanftem Druck die mögliche Rippe wieder zurück zu drücken.

Zum Glück nur sanft, weiß Gott was da hätte passieren können. Tim, der von der anderen Seite aus das Drama verfolgte, feuert mich immer wiede lauthals an, aber nach weiteren Minuten des Zweifels siegte in mir eine Stimme, die zu mir sagte – es gibt jedes Jahr einen Ironman in Frankfurt und du hast nur ein Leben – und auf die ich letzten Endes auch hörte.

Ich schlich zu einem Offiziellen der mir meinen Transponder abmachte und meine Nummer aufnotierte. Danach setzte ich mich in den Schatten von einem Verpfegungsstand und wartete auf Marcel der noch im Rennen war und gut in der Platzierung lag.

Im Ziel trafen wir uns wieder und spekulierten über diesen Tag und was wäre gewesen wenn und überhaupt. Danach holten wir mit Marcels Eltern und seiner Freundin Lisa unsere Räder und Wechselbeutel und fuhren mit gemischten Gefühlen wieder nach Hause.

Ich für meinen Teil habe nach der heutigen Diagnose einen Ansatz gefunden, meine gestrige Leistung richtig einordnen zu können. Nächstes Jahr gibt es eine neue Möglichkeit, dann hoffe ich auf 180km auf dem Rad und auf etwas kühlere Tage. Bis dahin gibt es noch viel zu tun.

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6 Gedanken zu “Fraktur C8 rechts

  1. hallo hubertus,
    dein abbruch hat sich bis zu mir nach österreich herum gesprochen… es tut mir sehr leid für dich, aber wie du in deinem bericht trefflich schreibst, muß die gesundheit an oberster stelle stehen wie auch der blick nach vorne(ironman 2011). du haderst nicht gänzlich mit deinem schicksal und das zeichnet dich für mich aus: positves denken und immer mit herzblut im einsatz für den sport! deine einstellung verkörpert für mich den ironman. das bist und bleibst, trotz abbruch durch gebrochener rippe.

    respekt für deine trainingsleistung und deinen wettkampfpart(trotz gebrochener rippe). ich bin froh, so einen sportler wie dich zu kennen.

    timm

  2. Uih das ist doch Balsam für die Seele 😉
    –> Aber nicht dass du denkst es wird sich zu lange ausgeruht!
    Die Hawaiivorbereitung geht bald los!!! 😀

  3. wünsch dir erst mal gute Genesung… und wenn ich das beurteilen darf – du hast genau richtig entschieden!
    An Motivation für neue Ziele mangelt es dir eh nicht, da bin ich sicher!!!
    Werde schnell gesund, dann geht es weiter… wie hat der Schlappi gesagt „Lebbe geht weiter!“ War doch der Schlappi, oder? 😉

  4. Hallo Hubsi,

    wünsche Dir eine gute und schnelle Besserung. Die Entscheidung raus zu gehen, war sicher mehr als richtig.

    Nächstes Jahr auf ein Neues.

    Gruß,
    Marco

  5. Hallo Hubsi,

    auch von mir natürlich gute Besserung. Es war sicher die richtige Entscheidung rauszugehen! Freue mich auf die ein oder andere gemeinsame Trainingseinheit für den IM 2011.

    Arnd

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