Moret (2)

Nach 2000m Prügelei im Wasser weiß man natürlich nie so genau, wie sich die Beine auf den ersten Kilometern anfühlen, aber meine innere Stimme sagte mir – heute geht was – und so trat ich auch von Beginn an voll in die Pedalen ohne groß darüber nach zu denken, was die Strecke noch von mir fordern sollte.

Die ersten Meter fuhr man noch auf einem sandigen Feldweg, doch dann ging es auf sauberem Asphalt über Langstadt und Kleestadt nach Klein-Umstadt. Dort wartete auch schon der erste von insgesamt 7 heftigen Anstiegen auf die Fahrer – in der Summe mehr als 1300 Höhenmeter.

Hier sprach zum ersten mal meine innere Stimme zu mir – Hey Junge, das hier ist keine Sprint oder eine Olympische Distanz – das hier ist eine Mitteldistanz – und was für eine. Nicht umsonst begrüßte der Veranstalter seine Teilnehmer auf der Internetplattform mit dem netten Titel – Der schwerste „Moret“ für die Teilnehmer – Hürden für den Veranstalter.

Aber das hat man ja vorher gewusst – es wurde ja genug Werbung für die schwere Strecke gemacht. Um keine böße Überraschung zu erleben, war ich in der Vorbereitung mehrfach die Anstiege hochgefahren und wusste so genau, was auf mich zukommen würde. Nur das mit dem Wind war nicht mit eingeplant gewesen. Der blies heute so stark, dass ich mit meiner Scheibe zum „Fliegenden Robert“ hätte avancieren können.

Ich hatte alle Hände voll zu tun, damit ich die Spur halten konnte. Von Klein-Umstadt ging  es auf die Rundstrecke Radheim-Moosbach – Wenigumstadt – Mömlingen – Dorndiel. Zwischen Wenigumstadt und Mömlingen wartete der kürzer Anstieg der Runde und nach Dorndiel hoch zu den Windrädern der längere von den beiden Steigungen.

Diese Runde galt es insgesamt 3mal zu bewältigen, bevor man endlich nach links abbiegen durfte und über Klein -Umstadt und Kleestadt wieder nach Münster zur zweiten Wechselzone kam. Die Anstiege hatte ich mir alle genau eingeprägt und auch die Abfahrten konnte ich dank ausreichender Ortskenntnis sicher und schnell abfahren.

Nur den Abzweig nach Münster, den kannte ich noch nicht, aber darüber machte ich mir gar keine Gedanken. Nachdem ich in den Anstieg nach Wenigumstadt hinein gefahren war, merkte ich erst wie flott ich unterwegs war. Keiner blieb am Rad, ich war nur am überholen und das sollte auch so bleiben.

Nach dem Anstieg musste man vorne kurz vom Rad – Strassenverkehrsordnung in Bayern – erst danach ging es mit 75,0km/h nach Mömlingen und weiter Richtung Dorndiel. Bis dahin blies einem der Wind fast vom Rad und sobald man aus dem Sattel ging, fand der Wind noch mehr Angriffsfläche.

Schade, der Wind blies immer dann von hinten, wenn die Strecke bergab ging und in den Anstiegen kam er meist frontal von vorne. Aber das hielt mich alles nicht davon aber, weiter mit voller Kraft nach vorne zu puschen und so machte ich viele Plätze gut.

Mein Taktik mit der einen Flasche hochkonzentrierter Kohlehydrate ging völlig auf. Darin hatte ich ein Pulver High5 mit Coffein + zwei Gels von Powerbar mit Coffein + zwei Gels von Powerbar ohne Coffein + zwei Gels von Ultrasports mit Rhodiola aufgelöst.

Den Rest den ich benötigte, bekam ich an der Verpflegungsstelle kurz hinter Mömlingen. Somit blieb mein Rad leicht und ich hatte trotzdem genügend Flüssigkeit und Ernährung, um die harten Kilometer bewältigen zu können – es reichte sogar noch für etwas mehr 😉

In der zweiten Runde hatte ich immer noch gleich viel Kraft und fuhr einfach weiter durchs Feld. An den Wind hatte ich mich mittlerweile gewöhnt und konnte in allen Passagen schneller fahren. Das blieb auch in der dritten Runde so, obwohl der Wind noch etwas zugenommen hatte.

Nachdem ich das dritte mal den Anstieg nach Dorndiel geschafft hatte, machte mein Herz regelrechte Freudensprünge, denn jetzt sollte es ja nur noch bergab gehen. Oben an den Windrädern blies der Wind stramm von links und ich wurde fast von der Strecke gedrückt. Die Zuschauer applaudierten mir zu und ich gab alles – vor allem viel Gas.

Der Streckenposten vorne an der Strasse, auf die ich jetzt zufuhr, wedelte mit seiner Fahne nur nach rechts und so bog ich ab, wie der eine Fahrer, der kurz vor mir fuhr auch. Fataler Fehler, den ich leider erst bemerkte als ich schon das vierte mal den Anstieg nach Wenigumstadt hochgefahren war und mich in der Abfahr nach Mömlingen befand.

Ein Blick auf meinen Tacho sagte mir, dass irgendetwas schief gegangen sein musste, denn ich hatte schon 91km und von Münster weit und breit keine Spur. Ich drehte um und fuhr erst mal zurück, bis mir die ersten Verfolger entgegen kamen. Ich wieder auf der Strasse kehrt gemacht und hinterher und die bange Frage gestellt, wann denn endlich die Ausfahrt aus der Runde käme.

Ach die kommt erst noch viel weiter vorne – bekam ich zu hören, aber diese Antwort war mir zu ungenau. Also gab ich Gas und fuhr vor bis zur Verpflegungsstelle und fragte einen der Offiziellen. Die Antwort, die ich dort bekam, war mehr als ernüchternd und ich dachte ich falle gleich tod vom Rad. Der Ausstieg befinde sich oben kurz nach den Windrädern, ich solle einfach noch den Anstieg nach Dorndiel hochfahren und dann könnte ich gleich nach links abbiegen.

Da war ich aber schon und das genau dreimal – also war ich doch tatsächlich falsch abgebogen und befand mich quasi im Niemandsland – zurück war es genau so lang wie nach vorne. Also was tun – ich war kurz vorm verzweifeln und wie paralysiert – aber nur kurz, denn dann kam in mir der Ironman-Gedanke hoch und der sagte mir Tue alles, aber komme ins Ziel.

Also stieg ich wieder aufs Rad und machte mich auf, das vierte mal den Anstieg nach Dorndiel hoch zu fahren. Wieviel Zeit ich in meiner Verzweiflung verloren hatte wusste ich nicht genau, aber mein Tacho stieg auf über 100km bis ich endlich oben war und als ich dann an den Windrädern vorbei rollte, sah ich auch das Schild mit besagter Aufschrift erste und zweite Runde nach rechts, drittte Runde nach links abbiegen.

Vorher standen da die Zuschauer, die mir so schön applaudierten hatten und dadurch hatte ich das Schild nicht sehen können. Jetzt wedelte der Streckenposten schön nach links – jetzt – eine Runde zu spät. Mit viel Wut im Bauch hatte ich immer noch guten Druck in den Beinen und dachte mir – scheiß auf die Zeit – ist alles gutes Training für Frankfurt.

Nach Kleestadt kam nur noch der letzte Abschnitt vor Münster und ich hatte schon 110km auf dem Tacho – Wahnsinn wie viele Kilometer ich zusätzlich fahren musste. Kurz vor Münster überholte ich noch Hölle und der traute seinen Augen nicht.

Erst als ich ihm mein Missgeschick zurief hatte er Durchblick – konnte aber trotzdem mein Hinterrad nicht halten. Nach 114,7km (Ø 33,5km/h) kam ich endlich in die zweite Wechselzone und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass alle die mich kennen die Information über mein Mißgeschick schon erhalten hatten.

Schnell das Rad in den Ständer und Helm ab – dann rein in die Laufschuhe – ohne Socken versteht sich – und ab ging es auf die Laufstrecke, nur drei Runden à 7,3km und nicht vier, aber da wollte ich jetzt besonders aufpassen.

Morgen folgt Moret (3) und dann ein Fazit. Vorab schon mal die Tatsache, dass ich durch meinen Fehler mindestens 23km mehr absolvieren musste. Das macht bei meiner Geschwindigkeit ganze 43min und da sind noch nicht mal die Stops und meine Fragerei mitgerechnet. Für die originale Streckenlänge hätte ich 2:51h benötigt. Das wäre der 10. beste Radsplit gewesen.

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4 Gedanken zu “Moret (2)

  1. wird echt zeit ein buch zu schreiben… ist immer wieder toll deinen trainingsverlauf und die wettkämpfe hier zu verfolgen, auch wenn man live nicht dabei sein kann… RESPEKT!!! mach weiter so…. grüße chris

  2. Hallo Hubsi, dein Blog lässt sich wirklich toll lesen. Kompliment! Und besonderen Respekt für deine Radleistung beim Moret….2:51 (wenn da nicht die 4. Runde gewesen wäre) das ist eine super starke Leistung. Nur knapp 9 min hinter Frank, der für eine sub 4:30 in Frankfurt gut ist – das lässt für Frankfurt Großes erwarten 😉
    Keep on Training
    Arnd

  3. So etwas baut auf – vielen Dank – vieleicht stossen wir ja in Frankfurt aufeinander und können uns gegenseitig unterstützen 😉

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